Montag, 13. Juni 2011

Telejato – Ein Fernsehsender gegen die sizilianische Mafia


Ganz Sizilien ist von der Mafia besetzt.
Ganz Sizilien?

Nein, viele mutige Widerständler machen der ehrenwerten Gesellschaft zunehmend das Leben schwer. Einer von ihnen ist der Journalist Pino Maniaci, der in Partinico in der Nähe von Palermo seit 1999 den kleinen aber schlagkräftigen Fernsehsender "Telejato" betreibt. Zwei Stunden am Tag werden Nachrichten ausgestrahlt, die sich fast ausschließlich mit den Machenschaften der Mafia beschäftigen und über 150.000 Zuschauer in der Region Palermo (von Cinisi bis Corleone) erreichen.

Und Pino Maniaci nervt, er nervt so, dass er bereits von dem Sohn eines Mafioso angegriffen wurde und sein Auto in Flammen aufging. Aber er und seine Familie machen weiter, decken verbrecherische Machenschaften auf und nennen die Täter beim Namen. Immer wieder prangert er an, daß die Sizilianer in Bezug auf die Mafia eine Kultur des Wegschauens und Verleugnens pflegen.

Aufklärung über die Machenschaften der Mafia hat nicht nur Mafia-Jägern wie Giovanni Falcone, sondern auch bereits mehreren Journalisten in Sizilien das Leben gekostet. Sehr bekannt ist der Fall von Giovanni Impastato aus Cinisi bei Palermo, der 1976 einen Radiosender gründete und 1978 für seine mafiakritischen und -satirischen Sendungen ermordet wurde. Seine Geschichte wurde 2000 verfilmt und der sehenswerte Spielfilm "I cento passi" (100 Schritte) zeigt auf bedrückende Weise, wie gnadenlos die Organisation ihre Gegner verfolgt und wie das Totschweigen des "Phänomens" Mafia zu ihrer Stärkung beiträgt.

Gegen die Mafia hilft Präsenz des Staates – Telejato steht unter Polizeischutz – und vor allem Öffentlichkeit. "Siamo tutti Pino Maniaci" (Wir sind alle Pino Maniaci) ist ein soziales Netzwerk (dazu gehört auch Addiopizzo), das sich zur Arbeit des Jornalisten bekennt und das Maniarci selber auf seiner Webseite (www.telejato.it - nur auf Italienisch verfügbar) als wichtigste Abwehrmauer gegen die Übergriffe der Mafia auf ihn und seine Familie bezeichnet.

Der Film "Telejato - La televisione più bella del mondo" - Telejato – der schönste Sender der Welt gibt einen Eindruck von der Arbeit Pino Maniacis und seiner Tochter Letitia, die 2005 einen Jornalistenpreis erhielt:



Es wird kolportiert, dass auch der 2006 nach 43 Jahren gefaßte Boss der Bosse, Bernardo Provenzano, Telejato verfolgt hat, um sich über den Zustand seiner Organisation zu informieren. Vielleicht hat er dabei auch den Neujahrsgruß Maniacis gesehen, in dem dieser den Mafiaboss jedes Jahr aufforderte, sich zu stellen. Überführt hat den "u tratturi" - der Traktor - genannten Mafioso, dem 50 Morde zur Last gelegt werden, letztlich ein abgehörtes Telefonat über die Versorgung des sauberen Herren mit ebensolcher Wäsche.